Hier nun mein persönlicher Versuch die Woche bei den G8-Gipfel-Protesten zu beschreiben, jeden Tag wird es hier eine Rückblende in chronologischer Reihenfolge geben.
Einleitung:
Juni 2007…ein auch meteriologisch heißer Vorsommer. G8-Gipfel in Heiligendamm und nicht nur die G8-Chefs wollen sich verschanzt hinter einem
Sicherheitszaun treffen, sondern auch eine breite globalisierungskritische Bewegung von kirchlichen, ökologischen, alternativen, kapitalismuskritischen Gruppen und Netzwerken ruft zu Protesten gegen die menschenverachtende, neoliberale Politik dieser Gipfelmächtigen auf.
Und sie kommen…nicht nur die am Samstag den 2.6. früh um 2.00 Uhr in Plauen gestarteten 44 Vogtländer, die in dem von Attac organisierten Bus nach Rostock mitfahren, nein sie kommen aus ganz Deutschland, mit Zug und Bahn, mit Sonderzügen aus ganz Europa. 80.000 zählen die Veranstalter an diesem Tag. Nicht alle werden bleiben, aber viele kommen in den selbstverwalteten Camps in Rostock, Reddelich und Wichmannsdorf unter und werden eine spannende Woche mit den vielfältigsten Aktionen und Veranstaltungen erleben.
Die Demo am Samstag:
Wir kommen gegen 9.30Uhr ohne Vorkontrolle in der Nähe des Ortes der Auftaktkundgebung am Schutower Kreuz/Hamburger Str. an. Dort werden es immer mehr, viele Stände von Organisationen, Parteien und Gruppierungen sind aufgebaut, es gibt von der Bühne Musik und gegen 12.00Uhr beginnt die Auftaktkundgebung.
Ewa Hinca (Euromärsche Polen) kritisiert die Vernichtung von Arbeitsplätzen durch neoliberale Privatisierungsprogramme, Gilmar Mauro (Via Campesina, Brasilien) beschreibt die schweren Kämpfe der Landlosenbewegung in Lateinamerika und schließlich ein Flüchtling, der in einer sehr bewegenden Rede die rassistischen Probleme in diesem Land an seinem und dem Beispiel von Oury Jalloh der in einer Polizeizelle in Dessau gefesselt auf einem Tisch liegend angeblich Selbstmord verübt hat, darstellt.
13.00 Uhr setzt sich der Demonstrationszug langsam in Bewegung, bunt, vielfältig, PDS.Linke-, Attac-, Gewerkschaftsfahnen, Großpuppen, überdimensionale Greenpeace-Schneemänner die den Klimaschutz anmahnen, Samba- und Trommlergruppen, staunende Rostocker am Straßenrand und an den Fenstern.
Die Polizei hält sich zu diesem Zeitpunkt im Hintergrund.
Unser Demozug unüberschaubar lang, so Jörn Alexander, der vom Dach des Attac-Lautsprecherwagens nach vorn und hinten nur Massen von Menschen sehen kann, erreicht gegen 15.00Uhr den Stadthafen, den Ort der Abschlusskundgebung.

Hier überschlagen sich die Ereignisse. Unser Zug stockt, rechts eilen an uns 3 Hundertschaften Polizei (2xgrün und 1x schwarz) vorbei, Hubschrauber über dem Gelände verbreiten einen ohrenbetäubenden Lärm. Niemand weiß zu diesem Zeitpunkt so richtig, was los ist. Schnell macht folgende Nachricht die Runde, Autonome und Polizeikräfte liefern sich "Gefechte", es werden Steine und heraus gebrochene Gehwegplatten geschleudert, die Polizei geht keilförmig in den Demozug, der vom Bahnhof kam, Schlagstöcke und Pfefferspray kommen zum Einsatz.
Nach einer Weile scheint sich die Lage etwas zu beruhigen, mit mulmigen Gefühl gehe ich die Straße entlang, sehe die Steine…, durch Rekonstruktionen ergibt sich folgendes Bild:
Ein einzeln stehendes Polizeifahrzeug ist entlang der Demostrecke postiert und wird, von der durch Polizeiübergriffe (Verhaftungen aus der Menge heraus) schon gereizten Menschenmenge des sogenannten „Schwarzen Blocks“ heraus von einigen wenigen angegriffen. Dies dürfte wohl auch den von uns beobachteten Einsatz der Hundertschaften ausgelöst haben.
Nach dieser Beruhigung der Lage und der eingeschränkten Möglichkeit den Reden auf dieser Abschlusskundgebung zu folgen (der Hubschrauber kreist immer noch über den Köpfen) kommt es wieder zu Auseinandersetzungen. Ich ziehe mich auf eine Schiffsgaststätte zurück und sehe, dass Polizei und Autonome sich auseinandersetzen, sehe auch wie Autonome vergeblich versuchen, andere an ihrem Tun abzuhalten. Polizei geht prügelnd in keilförmiger Formation in die Demonstranten hinein, zieht sich zurück, wird mit Steine beworfen. Für mich ist zu diesem Zeitpunkt einfach in mir der absolute Tiefpunkt erreicht, unser Ansinnen friedlich für eine andere Welt zu demonstrieren, diskreditiert. Vor der Bühne treffe ich Plauener wieder und wir beschließen ins Camp zu gehen. Mit einem letzen Blick zurück sehe ich wie ein Wasserwerfer (dessen Wasser wie ich später erfahren habe mit Tränengas gemischt war) direkt in die Menge hält.
Fazit: Wir haben es geschafft, das ein breites Bündnis von globalisierungskritischen Bewegungen, 80.000 Menschen zu einer bunten, friedlichen Demonstration zu vereinen. In den Reden auf der Auftakts- wie Abschlusskundgebung haben wir angesprochen, was uns an der Politik der G8 stinkt und wie andere Wege des solidarischen Zusammenlebens aussehen können. Ob Werner Rätz von Attac der klar sagt "Dieses System, dieser Kapitalismus, taugt nichts" und dies mit Beispielen untermauert, ob Katja Kipping von der Linkspartei die die Rüstungsausgaben der G8 von 750Milliarden $ anprangert, während gleichzeitig aller 3 Sekunden ein Kind an Hunger und seinen Folgen stirbt, Walden Bello (Träger des alternativen Nobelpreises) der fordert "USA raus aus Irak, USA raus aus Afghanistan!", oder Anne Tittor (Mitglied der Gruppe dissident Marburg) der unter dem Motto "Wir sind gekommen, um zu bleiben!" Aktionen, Demonstrationen und Blockaden ankündigt, da "die G8 …keine Antworten auf unsere Fragen [haben]. Und wie immer sie heißen, wie auch immer sie sich nennen, sie werden keine Antwort auf unsere Fragen haben. Eine Antwort darauf, wie eine Welt aussehen könnte, wie wir sie wollen; eine Welt ohne Grenzen, eine Welt ohne Kriege, eine Welt ohne Sexismus, eine Welt ohne Ausbeutung."
Leider auch Fakt: Wir haben nicht geschafft eine Spirale der Gewalt zum Stoppen zu bringen bzw. zu verhindern. Daraus resultiert, dass in den Medien nur noch über Gewalt aber nicht zum Inhalt unseres Anliegens berichtet wurde.
Hier noch ein paar Links:
Die Reden auf der Abschlusskundgebung
Ein
Video von einer Festnahme eines "Scheinautonomen" der sich nicht wehrt durch Zivilbeamte
Ein Film (3h!) zum Ablauf der Demo und Kundgebung (
Link)